Day 15 to 18 - Tokio im Schnelldurchgang

Posted by nixon on 30 April, 2007 15:14


Tokio - Stadt der Superlative, Millionen von Menschen, "Lost in translation", Uniformität und Unterwäscheautomaten, verwirrend, trendy und traditionsgeladen, die Metropole schlechthin, ......Soviel zu den Bildern in meinem Kopf bevor ich hier ankomme. Rückblickend kann ich sagen, dass Tokio es locker in die Top 3 meiner Lieblingsstädte geschafft hat, wobei ich wirkliche Probleme habe mir Platz 1 und 2 einfallen zu lassen die mir auf Anhieb besser gefallen hätten.

Angekommen in Tokyo Station, dem Hauptbahnhof suchte ich erstmal vergeblich nach nem Locker für mein Snowboardbag, zugegebenermassen eine nicht unbedingt gängige Grösse für ein Gepäckstück. Der Taxifahrer runzelte bisschen dei stirn als ich dann genervt anfing sein Auto umzugestalten um mein gesamtes Gepäck zu verstauen. Englisch war auch nicht sein Ding so richtig, aber das kannte ich von Japan inzwischen ja schon und irgendwie fanden wir gemeinsam den Weg zum richtigen Hostel.

Was in Tokio angenehm auffällt ist die allgegenwärtige Freundlichkeit/Höflichkeit und Zuvorkommenheit. Trotz der Menschenmassen geht es überall ziemlich entspannt zu, kein rücksichtsloses Drängeln in der U-Bahn oder der Innenstadt (so wie es beispielsweise in China ganz normal ist). U-Bahn ist auch ein gutes Stichwort für ein weiteres typisches Merkmal - alles ist perfekt organisiert und effizient durchorganisiert. Das Liniennetz ist so eng dass man sich für "in 10 Minuten" verabredet anstatt noch ne Stunde mit unzuverlässigen Bussen durch die Stadt zu gondeln (siehe Sydney). Auf der anderen Seite sind die Menschenmassen auch anders gar nicht zu bewältigen, beispielsweise hat Shinjuku (eine der grössten U-Bahn-Stationen in Tokio bzw. weltweit) einen morgendlichen Durchsatz von 16 Millionen Passagieren was ungefähr der Einwohnerzahl von Wales entspricht. Mit ca. 20 Ausgängen und endlosen Gängen kann man sich auch sehr leicht verlaufen.

Sich Tokio in 3 Tagen anzuschauen ist ein Ding der Unmöglichkeit, aber ich tat mein Bestes. Harajuku ist einer der "Trendbezirke" hier, viele back alleys mit kleinen Läden, abgefahrenen Klamotten und netten Leuten, viel Secondhand aber mitunter teurer als neues. Ich hab mich manchmal bissl wie in der Neustadt gefühlt. Das bemerkenswert gute Wetter tagsüber tat sein Übrigens, in Tokio herrschte der mildeste Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, normalerweise liegt hier Mitte Februar ordentlich viel Schnee.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker schon gegen 6 Uhr, Fischmarkttime. Also todmüde aus dem Dorm-Bett gequält (mein Zimmer im Keller hatte kein Fenster und war stockdunkel weswegen dort niemand ausser mir vor 11 Uhr aufstand) und raus in die Kälte zur U-Bahn. Der markt ist einer der grössten weltweit und täglicher Umschlagplatz für Tonnen von Fisch für die ganzen Restaurants und Sushi-Shops, die es insbesondere auch dort in der Nähe in Massen gibt. Sushi zum Frühstück ist aber nicht so meines. Auf dem Markt selber hektische Geschäftigkeit, irgendwie stand ich immer irgendjemandem mit nem Elektrokarren voll Thunfisch, Paletten oder Eisblöcken im Weg. Fotos waren auch ni so einfach, weil nie jemand mal stillstand.

Nach erfolgreicher Reunion mit meinen australischen Mitbewohnern (Treff war ungünstigerweise oben erwähnter gefuehlt grösster U-Bahnhof der Welt was zu 3 Stunden "Räuber und Gendarm" in Tokio führte) zog ich mit den beiden um zu Phil (Freund von Jai) der als Japan-Expat für eine australische Technologiefirma ein ziemlich anstrengendes Leben (nebst Firmenwohnung zum Verlaufen in Harajuku) in Tokio fristet und aus unerklärlichen Gründen nicht wirklich wieder weg will. Vielmehr sehr daran interessiert uns die "secret spots" in Kabuki-Cho, dem Rotlichtbezirk, zu zeigen. Es ist wirklich immer wieder Gold wert wenn man ortskundige Führer hat, meist waren wir in irgendwelchen Bars ohne andere Ausländer oder englische Buchstaben auf der Karte unterwegs, dafür mit Absinth-Bier und lustigen Japanern die für uns Live-Origami zelebrierten. Seit langer Zeit mal wieder ein Abend bei dem ich nicht mehr wusste wie ich wann nach Hause gekommen bin.

Am nächsten Tag (sogar ohne Kater) das Kontrastprogramm mit dem Besuch des "Meiji jingu", dem grössten Schrein (Tempel) in Tokio...gleich neben "jingu bashi", dem Platz wo sich jedes Wochenende die Vorstadt-teeniegirls zum Fasching, Motto "Wer ist die krasseste im ganzen Land ?", und bereitwilligen Posieren treffen. Ganz schönes Kontrastprogramm aber eigentlich ein gutes Abbild meines Gesamteindruckes von Tokio....auf der einen Seite absolute Individualität des Einzelnen, auf der anderen Seite Traditionen, Normen und Regeln. Der Tempel erinnert eher an einen grossen Park, die Leute flanieren lustig durch die Gegend, und man hat manchmal auch mal die Chance sich ganz allein zu fühlen (siehe fotos). Vielleicht aber auch ein Ausdruck dessen, dass Religion in Japan nicht die grosse Rolle wie in anderen asiatischen Ländern spielt. Sondern vielmehr mehr weltlichen Bezug, wer will kann seine Wünsche auf Holzplättchen verewigen und im Tempel aufhängen, die Wünsche reichen von eher profanen Dingen wie Lottogewinn und erfolgreichem Jobinterview bis hin zu "Show me the way".


Demokratischer Konsens (zumindest für Jai, James und mich) bezüglich der Abendgestaltung war eindeutig für "entspannt und nicht zu lang = viel Essen, wenig Bars/Alkohol", und letztendlich konnten wir Phil auch davon überzeugen obwohl er als einziger am nächsten Tag arbeiten musste. Auch die Kneipe hätten wir im Leben nicht gefunden, irgendwo im dritten Stock in Kabuki-Cho...im Übrigen dort wo die Anfangsszene von "Lost in translation" spielt. Teppanjaki.....Danach die unvermeidlichen zwei Bars für Phil und nach hause auf die Couch.

Morgens dann leider der Abflug gen Frankfurt nach drei viel zu kurzen Tagen in Tokio.

additional aspects:

- Automaten mit gebrauchter Frauenunterwäsche = "urban legend"
- Extra Waggons nur für Frauen in der U-Bahn = stimmt, denn "Grabschen" in der morgendlichen vollbesetzten Bahn ist gang und gäbe (??).
- Falls man in einer Videothek das Gesicht des Videothekars wegen einer Sichtblende in Augenhöhe nicht sehen kann, am besten nicht bücken um drunter durch zu schauen sondern einfach wieder rückwärts raus.....hier gibts dann nur XXX stuff, und "Internet" steht auch nicht für Backpacker-Internetcafe.
- Sehr wohl gefühlt hab ich mich mit der vorherrschenden Gangart....X-Beine sind ganz vorn dabei, vor allem bei den Frauen, die sich selbige bald brechen.
- Sushi wird hier wie Frittenbude oder Döner (in der Neustadt) gehandhabt....rein in den (Keller)-laden, ans Sushi-Band mit umsonst Tee, essen, Teller zählen, bezahlen und wieder raus.
- Ein wesentlicher Unterschied zwischen Japan und China lässt sich an den Klos feststellen. Während es in China dahin geht, dass diese als übergrosse Pissrinne ohne Sichttrennung, aber mit automatischer Spülung aller 5 Minuten gestaltet sind, kann man in Japan auf Klos mit künstlicher Intelligenz und ca. 100 "Spülmodi" (je nach Geschlecht, Alter, letzter Mahlzeit usw.) Platz nehmen.
- Rücksichtnahme ist allgegenwärtig, Telefonieren in der U-Bahn ist absolut tabu (man wird auch höflich darauf hingewiesen) und die "Staubmasken" vor Mund und Nase sind nicht für bzw. gegen die Abgase sondern um die Verbreitung von Erkältungen zu verhindern.
- Nach dem versuchten Anschlag der Aum-Sekte sucht man im Untergrund vergeblich nach Mülleimern. Das wiederum gibts auch in London....beklemmender Gedanke.
- In manchen Kaufhäusern von Tokio gibt es einen eigenen Bereich "make body supplies" wo (hauptsächlich) die Frau alles findet um den Körper insb. das Gesicht selbständig zu tunen. Lippenformer, Nasenklemme, "fake nipples" bzw. das entsprechende gegenteil.......alles vorhanden.

 

 

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Kommentare

echt cool...

ewu | 24/05/2007, 14:31

... also tokio hoert sich echt genial an, vor allem deine kurze zusammenfassung am ende.

wuensch dir noch viel spass!!

gruesse aus dresden, ewu